Warum Unternehmen einen Schutzraum für ihre Beschäftigten in Betracht ziehen sollten

Der Krieg in der Ukraine hat die Bedeutung der Sicherheit am Arbeitsplatz verändert

Über Jahrzehnte konzentrierte sich die Sicherheit am Arbeitsplatz in den meisten europäischen Unternehmen vor allem auf Brandschutz, Fluchtwege, Erste Hilfe, berufliche Gefahren und Naturkatastrophen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat jedoch gezeigt, dass Organisationen auch Risiken durch Raketen- und Drohnenangriffe, Explosionen, Druckwellen und umherfliegende Trümmer berücksichtigen müssen.

Die Erfahrungen ukrainischer Unternehmen belegen, dass auch weit von der Frontlinie entfernte Standorte durch weitreichende Angriffe gefährdet sein können. Wenn ein Luftalarm ausgelöst wird, können sich Beschäftigte in Büros, Fabriken, Lagerhallen, Logistikzentren, Energieanlagen oder Verkaufsstätten befinden.

Daraus ergibt sich eine grundlegende Frage:

Wohin sollen sich die Beschäftigten begeben, wenn ihnen nur wenige Minuten zur Reaktion bleiben?

Für Unternehmen an Standorten mit erhöhtem Risiko kann die Antwort ein fachgerecht geplanter Schutzraum sein, der sich innerhalb des Betriebsgebäudes oder in dessen unmittelbarer Nähe befindet.

Der Schutz von Beschäftigten ist Teil der betrieblichen Resilienz

Maschinen können repariert werden. Waren können erneut produziert werden. Gebäude können wiederaufgebaut werden. Das Leben und die Gesundheit von Menschen sind dagegen nicht ersetzbar.

Der Schutz der Beschäftigten sollte deshalb nicht nur als Arbeitsschutzmaßnahme, sondern auch als Bestandteil einer umfassenden Strategie für Risikomanagement und betriebliche Kontinuität betrachtet werden.

Der Staatliche Arbeitsdienst der Ukraine empfiehlt Arbeitgebern, klare Verhaltensanweisungen für den Fall eines Luftalarms zu erstellen, die Beschäftigten über den nächstgelegenen Schutzraum zu informieren und die erforderlichen Evakuierungsmaßnahmen zu erläutern. Alle am Standort tätigen Personen sollten mit diesen Verfahren vertraut gemacht werden.
Quelle: Staatlicher Arbeitsdienst der Ukraine

Das bedeutet nicht, dass jedes Unternehmen automatisch zum Bau eines eigenen Schutzraums verpflichtet ist. Es zeigt jedoch, dass Schutz- und Evakuierungsmaßnahmen nicht erst nach Beginn eines Alarms improvisiert werden dürfen.

Ein Keller ist nicht automatisch ein Schutzraum

Beschäftigte lediglich in einen Keller zu schicken, gewährleistet noch keinen angemessenen Schutz.

Ein Schutzraum muss als Gesamtsystem betrachtet werden. Abhängig von der festgestellten Gefährdung, der Gebäudekonstruktion, der Anzahl der Nutzer und den geltenden nationalen Vorschriften können unter anderem folgende Elemente erforderlich sein:

  • verstärkte Wände und Decken;
  • geschützte Zugänge und Notausgänge;
  • geeignete Lüftungs- oder Filterlüftungssysteme;
  • Haupt- und Notbeleuchtung;
  • Kommunikations- und Alarmeinrichtungen;
  • Trinkwasservorräte und sanitäre Einrichtungen;
  • Feuerlösch- und Erste-Hilfe-Ausrüstung;
  • geschützte Leitungs- und Installationsdurchführungen;
  • ausreichend Platz für die vorgesehene Personenzahl.

Der Staatliche Dienst der Ukraine für Notfallsituationen empfiehlt unter anderem eine funktionsfähige Belüftung und Beleuchtung, Sitzmöglichkeiten, Trinkwasser, sanitäre Lösungen und – sofern möglich – mindestens zwei Ausgänge. Außerdem weist die Behörde darauf hin, dass schwächere Bauteile verstärkt und nicht benötigte Öffnungen verschlossen werden sollten.
Quelle: Staatlicher Dienst der Ukraine für Notfallsituationen

Die Ausführung eines Schutzraums muss immer auf die konkrete Gefährdung abgestimmt sein. Ein Raum, der vorübergehend Schutz vor Splittern und Trümmern bieten soll, erreicht nicht automatisch dasselbe Schutzniveau wie ein professionell geplanter, druckwellenbeständiger oder für CBRN-Gefahren ausgelegter Schutzraum.

Der Schutzraum muss rechtzeitig erreichbar sein

Der theoretische Zugang zu einem Schutzraum ist nicht mit praktisch nutzbarem Schutz gleichzusetzen.

Bei einem Alarm kann nur sehr wenig Zeit für eine Reaktion zur Verfügung stehen. Ein öffentlicher Schutzraum, der mehrere Straßen entfernt liegt, ist möglicherweise nicht schnell genug erreichbar. Dies gilt insbesondere für große Fabrikgelände, Lagerhallen, Logistikzentren und Industrieanlagen.

Ein Schutzraum innerhalb des Gebäudes oder in seiner unmittelbaren Nähe kann die Notfallabläufe deutlich vereinfachen. Die Beschäftigten wissen, wohin sie sich begeben müssen, Fluchtwege lassen sich eindeutig kennzeichnen und regelmäßige Übungen können das Risiko von Chaos nach einer Alarmmeldung reduzieren.

Bei der Beurteilung der Erreichbarkeit sollten Unternehmen insbesondere prüfen:

  • wie lange die Beschäftigten bis zum Schutzraum benötigen;
  • ob der Zugangsweg auch während eines Notfalls nutzbar bleibt;
  • ob Personen mit eingeschränkter Mobilität den Schutzraum erreichen können;
  • ob der Raum ausreichend Platz für alle Beschäftigten und Besucher bietet;
  • ob ein alternativer Zugang oder ein Notausgang vorhanden ist.

Selbst ein technisch gut ausgestatteter Schutzraum kann seine Aufgabe nicht erfüllen, wenn die vorgesehenen Nutzer ihn nicht rechtzeitig erreichen können.

Warum Schutzraumtüren so wichtig sind

Jede Öffnung in der schützenden Gebäudehülle kann zu einer Schwachstelle werden.

Ein verstärkter Raum mit einer gewöhnlichen Industrie- oder Brandschutztür erreicht möglicherweise nicht das vorgesehene Schutzniveau. Eine Explosion erzeugt sowohl eine starke Druckwelle als auch gefährliche Splitter und Trümmer. Der Eingang muss deshalb als Bestandteil der Schutzkonstruktion geplant werden und darf nicht wie eine gewöhnliche Türöffnung behandelt werden.

Die ukrainische Norm DBN V.2.2-5:2023 für Zivilschutzbauwerke verlangt, dass Schutz- und gasdichte Türen sowie Notausstiegsluken der jeweiligen Schutzklasse des Schutzraums entsprechen. Die erforderliche Widerstandsfähigkeit dieser Abschlüsse muss anhand der berechneten Bemessungslasten bestimmt werden.
Quelle: DBN V.2.2-5:2023 – Schutzbauwerke des Zivilschutzes

Die Vorschriften und Schutzklassen unterscheiden sich von Land zu Land. Das grundlegende technische Prinzip bleibt jedoch gleich:

Ein Schutzraum ist nur so wirksam wie seine schwächsten Bauteile.

Türblatt, Zarge, Scharniere, Verriegelungssystem, Dichtungen, Verankerung und umgebende Konstruktion müssen als zusammenwirkendes System ausgelegt werden. Eine besonders schwer oder massiv wirkende Stahltür bietet nicht automatisch Schutz vor einer Druckwelle, wenn Zarge, Befestigung und angrenzende Wand nicht für dieselben Belastungen bemessen wurden.

Das erforderliche Schutzniveau sollte von qualifizierten Planern anhand der erwarteten Gefahren, der Gebäudekonstruktion, der Anzahl der Nutzer und der geltenden nationalen Anforderungen bestimmt werden.

Nicht jedes Unternehmen benötigt dieselbe Lösung

Es wäre falsch zu behaupten, dass jedes Unternehmen gesetzlich zum Bau eines eigenen Schutzraums verpflichtet ist. Die Anforderungen unterscheiden sich je nach Land, Gebäudenutzung, Standort und Risikokategorie.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob die tatsächlichen Gefahren am jeweiligen Standort zusätzliche Schutzmaßnahmen rechtfertigen.

Eine professionelle Bewertung ist insbesondere sinnvoll bei:

  • Standorten in der Nähe kritischer Infrastrukturen, Energieanlagen, Flughäfen, Häfen oder militärischer Einrichtungen;
  • Unternehmen in größeren Industrie- und Logistikgebieten;
  • Betrieben, die im Krisenfall wichtige Dienstleistungen aufrechterhalten müssen;
  • Objekten, in denen sich gleichzeitig viele Beschäftigte aufhalten;
  • Standorten mit eingeschränktem Zugang zu öffentlichen Schutzräumen;
  • Neubauprojekten, bei denen ein Schutzraum bereits während der Planung berücksichtigt werden kann.

Für ein Unternehmen kann die Anpassung eines bestehenden Kellers ausreichend sein. Bei einem anderen Projekt kann ein verstärkter Schutzraum innerhalb des Gebäudes erforderlich werden. Größere Industrieanlagen benötigen möglicherweise einen separaten Schutzbau oder mehrere geschützte Bereiche an unterschiedlichen Stellen des Betriebsgeländes.

Die Entscheidung sollte auf einer professionellen Gefährdungs- und Tragwerksanalyse beruhen – nicht auf einer allgemeinen Produktempfehlung.

Schutz muss geplant und nachgewiesen werden

Der Kauf einer Konstruktion, die lediglich als „Schutzraum“ beworben wird, reicht nicht aus.

Im Juli 2026 berichtete das Büro für wirtschaftliche Sicherheit der Ukraine über ein Ermittlungsverfahren im Zusammenhang mit modularen Schutzräumen, die für Beschäftigte von Wärmekraftwerken beschafft worden waren. Nach Angaben der Ermittler erfüllten die Konstruktionen die vorgeschriebenen technischen Anforderungen nicht und konnten nicht für den vorgesehenen Schutzzweck genutzt werden.
Quelle: Büro für wirtschaftliche Sicherheit der Ukraine

Dieser Fall zeigt, warum eindeutig definierte technische Parameter und eine nachvollziehbare Dokumentation entscheidend sind.

Unternehmen und Investoren sollten klar festgelegte Bemessungskriterien, Berechnungen, technische Unterlagen und Nachweise verlangen, dass die geplante Lösung den identifizierten Gefahren entspricht. Schutzraumhülle, Eingang, Notausgang, Lüftungsöffnungen und Installationsdurchführungen müssen als Bestandteile eines zusammenhängenden Schutzsystems bewertet werden.

Das Schutzniveau darf nicht ausschließlich anhand der Dicke einer Stahlplatte, des Gewichts einer Tür oder des massiven Erscheinungsbildes eines Raums beurteilt werden.

Was Unternehmen bereits heute tun können

Der erste Schritt muss nicht sofort der Bau eines neuen Schutzraums sein. Zunächst sollte das tatsächliche Risiko ermittelt werden.

Eine praktische Bewertung kann folgende Maßnahmen umfassen:

  1. relevante Gefahren in Abhängigkeit von Standort und Tätigkeit bestimmen;
  2. vorhandene Schutzmöglichkeiten in der Umgebung erfassen;
  3. die benötigte Zeit bis zum nächstgelegenen Schutzraum messen;
  4. prüfen, ob ein Keller oder ein unterirdischer Gebäudebereich angepasst werden kann;
  5. die erforderliche Kapazität und Aufenthaltsdauer festlegen;
  6. qualifizierte Tragwerksplaner und Zivilschutzexperten einbeziehen;
  7. Evakuierungsverfahren erstellen und regelmäßig üben;
  8. den Zustand des Schutzraums und seiner technischen Ausstattung regelmäßig kontrollieren.

Schutzmaßnahmen sind besonders wirksam, wenn sie frühzeitig berücksichtigt werden. Bei neuen Industrie- und Gewerbegebäuden ist die Einplanung eines Schutzraums während der Entwurfsphase in der Regel einfacher als eine spätere Anpassung eines bereits fertiggestellten Gebäudes.

Schutzräume müssen geplant werden, bevor sie benötigt werden

Der ukrainische Zivilschutzplan für 2026 nennt unter anderem die Weiterentwicklung und Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft von Schutzbauten, die Modernisierung von Warnsystemen, die Evakuierungsplanung sowie die Vorbereitung kritischer Infrastrukturen als zentrale Prioritäten. Die daraus folgende Erkenntnis ist eindeutig: Schutzinfrastruktur lässt sich vor einer Krise wesentlich leichter vorbereiten als während einer akuten Bedrohung.
Quelle: Ministerkabinett der Ukraine

Unternehmer, Investoren, Architekten und Gebäudebetreiber sollten sich daher nicht nur fragen:

„Sind wir gesetzlich zum Bau eines Schutzraums verpflichtet?“

Die verantwortungsvollere Frage lautet:

„Hätten unsere Beschäftigten bei einer Explosion oder einem Angriff Zugang zu einem Raum, der ein angemessenes Schutzniveau bietet?“

Ein fachgerecht geplanter Schutzraum kann ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsschutzes und der betrieblichen Resilienz sein. Seine Wirksamkeit hängt jedoch von einer professionellen Planung, erreichbaren Fluchtwegen und geeigneten Schutzabschlüssen ab.

Der beste Zeitpunkt, diese Fragen zu beantworten, ist nicht der Moment, in dem ein Alarmsignal ertönt.

Es ist die Planungsphase.

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